Glossar (in Bearbeitung)

Abteilung für forensisch-psychologische Abklärungen (AFA)

Die Abteilung für forensisch-psychologische Abklärungen (AFA), erbringt zentrale Dienstleistungen zur Umsetzung von ROS: den forensischen Fachsupport, die Risikoabklärung, die Risikosprechstunde und das Deliktorientierte Interventionsprogramm "Do It plus".

Die AFA wurde im Rahmen des Modellversuchs ROS aufgebaut. Sie ist im Ostschweizer Strafvollzugskonkordat den Bewährungs- und Vollzugsdiensten des Kantons Zürich angegliedert. Das AFA-Team setzt sich aus forensisch spezialisierten Psychologinnen und Psychologen zusammen und wird von einer administrativen Assistenz unterstützt.

Der Anschluss an eine AFA ist zwingende Voraussetzung für die Einführung von ROS. Die Qualitätsstandards, an denen sich die AFA orientiert, sind durch den ROS-Prozess gegeben und gelten somit kantonsunabhängig. Die AFA-Leistungen müssen zwingend von forensisch spezialisierten Psychologinnen und Psychologen erbracht werden (ROS-Standard). Die organisatorische Integration in die Vollzugsbehörde eines Zentrumskantons hat sich bewährt.

Aktenlage und Informationsaustausch

Um einen Fall nach ROS-Standards zu führen, muss eine aussagekräftige Aktenlage vorliegen und ein regelmässiger, transparenter Informationsaustausch zwischen allen am Vollzug der Sanktion beteiligten Fachpersonen sichergestellt sein.

Im Prozessschritt Triage benötigt die einweisende Behörde für die Anwendung von FaST den aktuellen Auszug aus dem Schweizerischen Strafregister. Idealerweise liegen auch Angaben zu jugendstrafrechtlichen Geschäften vor.

Die AFA und die fallverantwortliche Person beziehen sich in der Risikoabklärung resp. im Fall-Résumé auf Informationen aus Einvernahmeprotokollen von Polizei und Staatsanwaltschaft, aus Gerichtsakten, Gutachten, Therapieberichten und früheren Vollzugsakten.

Für die Erstellung der Fallübersicht (FÜ) im Prozessschritt Planung sind transparente Rückmeldungen aller Arbeitspartner (auch von therapeutisch/medizinischen Fachpersonen) zur Risikoabklärung der AFA und den geplanten Interventionen von zentraler Bedeutung.

Ein effizientes Risikomonitoring setzt Stellungnahmen der Arbeitspartner zu den in der FÜ definierten problematischen Aspekten voraus. Im Prozessschritt Verlauf ist daher die fallverantwortliche Person auf die differenzierte Berichterstattung der Arbeitspartner angewiesen.

Arbeitsmittel

Die während des Modellversuchs entwickelten Arbeitsmittel und -instrumente ermöglichen eine standardisierte Realisierung von ROS im Vollzugsalltag.

Das Fall-Screening-Tool, das Fall-Résumé, die Fallübersicht sowie die sanktionsspezifischen Verlaufslisten (Auswertung der standardisierten Berichte) werden direkt in der webbasierten Datenbank ROSnet angewandt. Die Dokumente Risikoabklärung und Risikosprechstunde sind in ROSnet abrufbar.

Arbeitspartner

Als Arbeitspartner werden Dienstleistungserbringer im Auftrag der einweisenden Behörden bezeichnet. Dazu gehören Institutionen wie Vollzugseinrichtungen, Kliniken, aber auch Einzeltherapeuten und Betreuende.

Die Arbeitspartner verwenden die durch ROS definierten Arbeitsmittel zur standardisierten Berichterstattung. Die Arbeitspartner werden aktiv in die Vollzugsplanung mit einbezogen (Inputs). Mittels ROSnet erhalten die Arbeitspartner fallspezifisch Zugriff auf die ROS-Unterlagen.

Auswertungskriterien

Case Manager / Fallverantwortliche Person

Die Rolle der fallverantwortlichen Person in der einweisenden Behörde ist die eines Case Managers. Sie führt einen Fall von Sanktionsbeginn bis -ende.

Arbeitspartner begleiten einen Klienten / eine Klientin in der Regel nur während einer einzelnen Phase des Vollzugs wie zum Beispiel während eines Arbeitsexternats oder während des geschlossenen Vollzugs. Dagegen bleibt die fallverantwortliche Person über den gesamten Vollzugsprozess für die Koordination zuständig.

Die Arbeitspartner stehen mit der fallverantwortlichen Person in Kontakt und erstatten regelmässig und standardisiert Bericht zum Vollzugsverlauf. In der webbasierten Datenbank ROSnet gewährt die fallverantwortliche Person den involvierten Arbeitspartnern Zugriff zu allen relevanten Unterlagen zum Fall (z.B. Risikoabklärung, Fallübersicht). Ihre Zuständigkeit über den gesamten Vollzugsprozess dient damit der Vermeidung von Informationsverlust an Schnittstellen.

Die fallverantwortliche Person ist in ihrer Case-Management-Funktion mit der Planung des gesamten Vollzugs betraut, während die Arbeitspartner für ihre jeweilige Phase den spezifischen Vollzugsplan erstellen.

Fallkonzept

In der Risikoabklärung wird ein Fallkonzept hergeleitet, auf dem das gemeinsame Fallverständnis aller Beteiligten Fachpersonen (fallverantwortliche Person, Arbeitspartner, AFA) beruht.

Die AFA erarbeitet eine Hypothese zum Deliktmechanismus. Diese erklärt den funktionalen Zusammenhang zwischen problematischen Aspekten (personenbezogen, umweltbezogen, situativ), sowie daraus entstehenden deliktrelevanten Handlungsmotivationen. Das individualisierte Fallkonzept eines Klienten / einer Klientin verdeutlicht, welches Risiko- und Problemprofil besteht, welche problematischen Aspekte risikorelevant sind und worauf im Vollzug besonders geachtet werden muss.

Das Risiko- und das Problemprofil werden in die Fallübersicht übertragen. Im Prozessschritt Planung wird für jeden problematischen Aspekt die Umsetzung der Interventionsempfehlungen definiert. Zudem wird auch ein Augenmerk auf vorhandene oder aufzubauende Ressourcen des Klienten / der Klientin gelegt, die eine nachhaltige Resozialisierung fördern.

Fall-Résumé (FaR)

Das Fall-Résumé, kurz FaR, ist ein Arbeitsmittel, das direkt in der webbasierten Datenbank ROSnet angewandt wird. Das FaR ermöglicht es der fallverantwortlichen Person, sich ein strukturiertes Gesamtbild vom Fall zu erarbeiten.

FaR ist als Fragebogenstruktur aufgebaut, in welcher die fallverantwortliche Person Informationen aus verschiedenen Quellen einspeist. Diese Quellen können der Auszug aus dem Schweizerischen Strafregister, vorliegende Gutachten, frühere Behandlungs- oder Vollzugsberichte, Polizei- oder Gerichtsakten sein. In FaR werden Informationen zum Anlassdelikt, zur Delinquenzentwicklung, zur Biografie sowie aus Einschätzungen Dritter (Gutachten, Berichte etc.) zusammengetragen.

Sollten durch die Erarbeitung des strukturierten Gesamtbildes Hinweise auf eine Problematik im Bereich der Gewaltbereitschaft und Aggressivität erkannt werden, wird der Fall ungeachtet seiner FaST-Klassifikation mittels forensischem Fachsupport überprüft.

Ist eine vertiefte Abklärung durch die AFA nicht angezeigt, erstellt die fallverantwortliche Person ein Problemprofil des Klienten / der Klientin. Dieses dient als Grundlage für die Vollzugsplanung.

Fall-Screening-Tool (FaST)

Das Fall-Screening-Tool, kurz FaST, ermittelt anhand weniger, dafür aber aussagekräftiger Merkmale, wie hoch der Abklärungsbedarf in einem Fall ist. Dazu ordnet FaST einen Fall verschiedenen Kategorien zu. Die benötigten Informationen können dem Auszug aus dem Schweizerischen Strafregister entnommen werden.

FaST vermag nicht das Rückfallrisiko einer Person einzuschätzen. Es stellt lediglich fest, ob weitere Abklärungen nötig sind. FaST erkennt Abklärungsbedarf, wenn empirisch gut validierte, statistische Risikofaktoren erfüllt sind. Folgende Punkte werden überprüft:

  • Wie viele Verurteilungen liegen insgesamt vor?
  • In welchen Deliktkategorien (Sexual-, Gewaltstraftat, Allgemeine Delinquenz) liegen Verurteilungen vor?
  • In welchem Alter wurde der Klient / die Klientin erstmalig straffällig?
  • Wie hoch ist die Basisrate (deliktspezifische Rückfallrate) der begangenen Delikte?
  • Liegt polymorphe Delinquenz vor?
  • Liegen Widerrufe von bedingten Entlassungen oder Sanktionen vor?
  • Wurde der Klient / die Klientin während oder nach therapeutischen Interventionen rückfällig?

Als Risikominderung wertet FaST folgende Punkte:

  • Der Klient / die Klientin ist nach Verbüssen einer Freiheitsstrafe wegen eines Gewaltdelikts während mindestens fünf Jahren nicht mit einem erneuten Gewaltdelikt straffällig geworden.
  • Der Klient / die Klientin ist nach Abschluss einer Massnahme wegen eines Gewalt- oder Sexualdelikts während mindestens fünf Jahren nicht mit einem erneuten Gewalt- oder Sexualdelikt straffällig geworden.
  • Der Klient / die Klientin ist aktuell 50-jährig oder älter.

Das Resultat von FaST ist die Zuordnung des Falls zu einer der folgenden Kategorien. Diese FaST-Klassifikation zeigt an, wie mit dem Fall weiter verfahren werden soll.

  • Bei FaST-Klassifikation A liegt gemäss FaST kein besonderer Abklärungsbedarf vor.
  • Bei FaST-Klassifikation B ist die Durchführung eines Fall-Résumés erforderlich.
  • Bei FaST-Klassifikation C ist eine Risikoabklärung durch die AFA erforderlich.
  • Bei einer FaST-Klassifikation A* oder B* ist der Abklärungsbedarf mittels forensischem Fachsupport bei der AFA zu bestimmen.

Fallübersicht (FÜ)

Die Fallübersicht (FÜ) ist ein Dokument, das Abklärungsergebnisse und Planungsprozesse verbindet und veranschaulicht.

In der Fallübersicht werden das Risikoprofil, das Problemprofil und die Ressourcen gemäss Risikoabklärung (RA) resp. Fall-Résumés (FaR) aufgeführt.

Aus der Fallübersicht ist ersichtlich, mit welchen Interventionen an den jeweiligen problematischen Aspekten (gemäss Problemprofil) gearbeitet wird, wer wofür zuständig ist und in welchem Zeitraum die Interventionen durchgeführt werden. Die Fallübersicht wird in ROSnet erstellt und aktualisiert.

Die Fallübersicht ist von der fallverantwortliche Person mit sämtlichen involvierten Parteien (Arbeitspartner, AFA) zu konsolidieren.

Fallverständnis

Zu den wichtigsten Zielen des risikoorientierten Sanktionenvollzugs gehört es, dass alle in der Vollzugsarbeit involvierten Parteien (fallverantwortliche Person, Arbeitspartner, AFA) ein gemeinsames Fallverständnis entwickeln. Alle Beteiligten müssen hierfür das Risikoprofil des Klienten / der Klientin kennen und verstehen, welche risikorelevanten problematischen Aspekte (Problemprofil) vorliegen und wie diese zu bearbeiten sind. Konkrete Aufgaben und Zuständigkeiten sind in der Fallübersicht dargestellt.

Ein gemeinsames Fallverständnis setzt den transparenten Informationsaustausch zwischen allen in die Vollzugsarbeit involvierten Parteien sowie eine konsolidierte Planung mit klarer Aufgabenverteilung voraus. Dazu sind die Inputs der Arbeitspartner zu den Abklärungsergebnissen aus Risikoabklärung oder Fall-Résumé von zentraler Bedeutung. Die webbasierte Datenbank ROSnet erleichtert die Kommunikation, indem alle involvierten Parteien jederzeit Zugriff auf die relevanten ROS-Unterlagen zu einem Fall haben und Anpassungen aufgrund aktueller Entwicklungen im Sanktionsverlauf umgehend sichtbar sind.

Forensischer Fachsupport

Die fallverantwortliche Person hat jederzeit die Möglichkeit, bei forensisch-psychologischen Fragestellungen zum Fall niederschwellig mit der AFA in Kontakt zu treten. Unabhängig vom Resultat der Triage mittels FaST leistet die AFA forensischen Fachsupport, wenn potenziell risikorelevante Entwicklungen vermutet werden. Im Austausch zwischen fallverantwortlicher und forensischer Fachperson wird entschieden, wie mit dem Fall weiter verfahren wird.

  • Bedarf es einer umfassenden Risikoabklärung?
  • Soll eine fallspezifische, forensische Fragestellung im Rahmen einer Risikosprechstunde vertieft analysiert und durch die AFA schriftlich festgehalten werden?
  • Besteht kein weiterführender forensischer Abklärungsbedarf und die fallverantwortliche Fachperson kann dies in einer kurzen Aktennotiz festhalten?

Informationssammlung

Die Informationssammlung in der Risikoabklärung umfasst Angaben zum Vollzugstitel, allfälligen Vorstrafen, dem früheren oder aktuellen Straf-/ Massnahmenverlauf, (Therapie-)Berichte, Risikoabklärungen und forensische Gutachten sowie anamnestische Daten. Als Informationsquellen dienen Einvernahmeprotokolle der Polizei und Staatsanwaltschaft, Gerichtsakten, Gutachten, Therapieberichte und frühere Vollzugsakten.

Eine Auflistung der benötigten Unterlagen kann der Checkliste Akten für Risikoabklärungen der AFA entnommen werden. Es hat sich bewährt, bei Fragen die zuständige AFA telefonisch zu kontaktieren. Diese werden von der Auftrag gebenden Behörde organisiert und der AFA gemeinsam mit dem Abklärungsauftrag zu Verfügung gestellt. Die Form, in welcher die Informationen vorzuliegen haben (digital, im Original oder Kopien), ist nicht vorgegeben.

Inputs der Arbeitspartner

Um den Prozessschritt Planung abzuschliessen, wird die Rückmeldung der in den Fall involvierten Arbeitspartner zum Risiko-, Problem- und Ressourcenprofil des Klienten / der Klientin sowie zu den geplanten Interventionen benötigt.

Die Arbeitspartner bringen allfällige Änderungsvorschläge an der Entwurfsfassung der Fallübersicht oder ihr Einverständnis damit ein, indem sie sich direkt an die fallverantwortliche Person wenden. Divergenzen sollen mit dem Ziel, ein gemeinsames Fallverständnis zu erarbeiten, in konstruktivem Austausch zwischen fallverantwortlicher Person und Arbeitspartner besprochen werden. Umweltbezogener Veränderungsbedarf, Kontrollbedarf oder Ressourcen können durch die fallverantwortliche Person direkt in ROSnet angepasst werden. Änderungen des personenbezogenen Veränderungsbedarfs können nur nach Einholen von forensischem Fachsupport bei der AFA durch die zuständige Psychologin / den zuständigen Psychologen vorgenommen werden. Die Form der Rückmeldung durch die Arbeitspartner (z.B. E-Mail, Telefon) gibt das ROS-Konzept nicht vor.

Interventionsempfehlung

In einer Risikoabklärung wird das Problemprofil des Klienten / der Klientin erstellt, woraus sich der individuelle personen- und umweltbezogene Veränderungsbedarf ableiten lässt. Für die Bearbeitung des Veränderungsbedarfs werden spezifische Interventionen empfohlen.

Interventionsempfehlungen in Risikoabklärungen haben keinen Weisungscharakter. Darin wird jedoch ausdrücklich festgehalten, was aus forensischer Perspektive unternommen werden müsste, um dem spezifischen Veränderungsbedarf des Klienten / der Klientin zu entsprechen. Zuweilen verunmöglichen juristische oder vollzugspraktische Gegebenheiten die Durchführung der fallspezifisch sinnvollsten Intervention. In diesen Fällen schlägt die AFA alternative Interventionsmöglichkeiten vor, die im gegebenen Rahmen umgesetzt werden können, äussert jedoch den Vorbehalt, dass dem bestehenden Veränderungsbedarf nicht ausreichend Rechnung getragen werden kann.

Kontrollbedarf

Um bei potenziell kritischen Entwicklungen rechtzeitig und adäquat reagieren zu können, werden sämtliche am Vollzug beteiligten Fachpersonen sensibilisiert, auf fallspezifische Warnzeichen zu achten. Diese werden im Abschnitt Kontrollbedarf des Problemprofils festgehalten.

Der individuelle Kontrollbedarf wird aus der Hypothese zum Deliktmechanismus abgeleitet. Die dort beschriebenen Merkmale des Tatvorlaufs verdeutlichen, welche Begebenheiten typischerweise zu- oder eintreffen, bevor ein Delikt verübt wird. Damit frühzeitig und unaufgeregt reagiert werden kann ist es wichtig, dass Hinweise für eine potenziell kritische Entwicklung definiert werden. Wenn der Klient / die Klientin bereits kurz vor der Tatbegehung steht, ist es zu spät, um niederschwellig zu intervenieren, mit dem Ziel eine potenziell risikorelevante Entwicklung abzuwenden.

Für eine Strukturierung des zu definierenden Kontrollbedarfs und damit eine bessere Orientierung der beteiligten Fachpersonen sind die folgenden Kategorien vorgegeben:

  • Arbeitssituation
  • Betreuungs- und Behandlungssituation
  • Finanzen
  • Freizeitverhalten
  • Gegenwärtige psychische Verfassung
  • Gesundheit
  • Partnerschaft und Familie
  • Sonstiges soziales Umfeld
  • Spezifische Konstellation in Bezug auf bedeutsame Personen
  • Suchtmittelproblematik
  • Wohn- und Unterbringungssituation
  • Sonstiges

Modellversuch

Ziel eines Modellversuchs ist die Entwicklung und Erprobung neuer Methoden und Konzeptionen im Straf- und Massnahmenvollzug sowie in der stationären Jugendhilfe. Durch die systematische Evaluation sollen fundierte Hinweise für die weitere Entwicklung geliefert werden. Der Bund kann an die Durchführung und Evaluation von Modellversuchen Beiträge gewähren.

  • Umfassende Informationen zu Modellversuchen sind hier zu finden.
  • Umfassende Informationen zum Modellversuch Risikoorientierter Sanktionenvollzug sind unter ROS allgemein zu finden.

Potenziell Kritischer Verlauf

Ein potenziell kritischer Verlauf liegt vor, wenn Hinweise auf eine Problematik im Zusammenhang mit Gewalt- oder Sexualdelinquenz auftreten, sich im Sanktionenvollzug Entwicklungen abzeichnen, die das bestehende Fallverständnis infrage stellen, oder wenn in der Auseinandersetzung mit dem Klienten / der Klientin zentrale Aspekte aus der Fallübersicht (FÜ) nicht berücksichtigt werden.

In solchen Fällen hat die fallverantwortliche Person über das weitere Vorgehen zu entscheiden. Für die Überprüfung des Risikoprofil oder des personenbezogenen Veränderungsbedarfs kann die AFA im Rahmen des forensischen Fachsupports niederschwellig involviert werden.

Wichtig ist, dass alle am Vollzug beteiligten Fachpersonen bei sämtlichen Fällen generell auf potenziell kritische Entwicklungen sensibilisiert sind (nicht nur bei abgeklärten Fällen). Dabei sollten insbesondere die folgenden Themenbereiche berücksichtigt werden:

  • Auffälligkeiten im Verhalten wie z.B. mangelnde Absprachefähigkeit, Verstösse gegen Weisungen und Auflagen, Krisen
  • Hinweise auf konflikthafte Entwicklungen im Zusammenhang mit bestimmten Personen, Behörden etc.
  • Hinweise auf das Vorliegen oder die Akzentuierung von prokriminellen Einstellungen (z.B. mangelnde Regelakzeptanz, Legitimierung von delinquentem Verhalten) und problematischen Handlungstendenzen aus dem Bereich der Gewalt- und Sexualdelinquenz (z.B. geringe Frustrationstoleranz, Impulsivität, hohe Kränkbarkeit).

Personenbezogener Veränderungsbedarf

Problematische Aspekte, welche die Wahrscheinlichkeit für delinquentes Verhalten erhöhen und in der Person eines Klienten / einer Klientin verankert sind, werden als personenbezogener Veränderungsbedarf im Problemprofil aufgeführt. Dabei handelt es sich im Kern um problematische Denk- und Verhaltensmuster, welche im Rahmen von spezifischen Interventionen bearbeitet werden müssen, um eine nachhaltige Senkung des Delinquenzrisikos zu erreichen.

Die Ausprägung des personenbezogenen Veränderungsbedarfs wirkt sich direkt auf das individuelle Risikoprofil aus: je ausgeprägter das Problemprofil, desto ausgeprägter das Risikoprofil. Gemäss robusten empirischen Erkenntnissen muss für eine effektive Senkung des Delinquenzrisikos bei Personen mit ausgeprägtem Risiko- und Problemprofil intensiver interveniert werden als bei Personen mit einem weniger ausgeprägten Risikoprofil. Zudem haben sich kognitiv-verhaltensorientierte und multimodale methodische Behandlungsansätze, in welchen die fallspezifische Ansprechbarkeit des Klienten / der Klientin berücksichtigt wird, als besonders wirksam erwiesen.

Wird im Prozessschritt Abklärung ein Fall-Résumé (FaR) erstellt, so zitiert die fallverantwortliche Person unter dem personenbezogenen Veränderungsbedarf jene Diagnosen, die der aktuellen Sanktion zugrunde liegen aus dem entsprechenden Gutachten (i.d.R. bei Massnahmen gegeben). Liegt zwar keine gutachterliche Einschätzung aber eine aussagekräftige Aktenlage vor, kann eine fallverantwortliche Person mit entsprechender forensisch-psychologischer Grundbildung (z.B. Nachdiplomstudium am Institut für Opferschutz und Täterbehandlung in Kooperation mit der UNI Zürich, CAS Dissozialität und Kriminalität der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften) den personenbezogenen Veränderungsbedarf mithilfe der nachfolgenden Tabelle definieren. Sind die beschriebenen Voraussetzungen nicht gegeben, wird kein personenbezogener Veränderungsbedarf angegeben.

Um das Risikopotenzial eines Klienten / einer Klientin erfolgreich zu reduzieren, müssen in der Behandlung veränderbare risikorelevante problematische Aspekte fokussiert werden. Dabei handelt es sich im Kern um Denk- und Verhaltensmuster welche die Wahrscheinlichkeit für delinquentes Verhalten erhöhen. Ob legalprognostisch relevante psychische Störungen im engeren Sinn vorliegen, gilt es im Einzelfall zu überprüfen. In der Literatur sind neben deliktrelevanten psychischen Störungen gemäss ICD/DSM wie Schizophrenie oder Persönlichkeitsstörungen eine Vielzahl von deliktrelevanten Denk- und Verhaltensmustern beschrieben. Andrews und Bonta (2010) bezeichnen in ihren „central eight“ beispielsweise antisoziale Verhaltensweisen, prokriminelle Einstellungen oder Suchtmittelproblematik als deliktrelevante personenbezogene problematische Aspekte. Auf der Basis von lediglich drei Syndromen kann jedoch kein hoch individualisiertes Problemprofil erstellt werden. Urbaniok (2016) hingegen schlägt mit dem Forensischen Operationalisierten Therapie-Risiko-Evaluations-System (FOTRES) in dem mehr als 90 Risikoeigenschaften definiert sind, einen sehr differenzierten Ansatz vor. Vom Prinzip handelt es sich bei den Risikoeigenschaften nach FOTRES, analog den personenbezogenen problematischen Aspekten gemäss ROS-Konzept, um dynamische, risikorelevante Denk- und Verhaltensmuster.

Wenn die Datenlage nicht ausreicht für die Anwendung von FOTRES, wird das Fallkonzept in Anlehnung an empirisch gut bestätigten, deliktrelevanten Denk- und Verhaltensmuster erstellt (siehe Übersichtstabelle). Diese sind insbesondere im Zusammenhang mit Gewaltdelinquenz von Bedeutung (u.a. Andrews & Bonta, 2010, Côté et al., 2008; Dahle et al., 2012; Douglas et al., 2014; Hilton et al., 2010). Es gilt zu beachten, dass es sich bei aufgeführten problematischen Aspekte nicht um eine abschliessende Aufzählung handelt.

Problemprofil

Das Problemprofil zeigt jene problematischen Aspekte in der Person (personenbezogener Veränderungsbedarf) und in der Umwelt (umweltbezogenem Veränderungsbedarf) eines Klienten / einer Klientin auf, die risikorelevant sind. Diese Aspekte müssen verändert werden, um eine nachhaltige Legalbewährung und Resozialisierung des Klienten / der Klientin zu erreichen.

Im Sinne eines gemeinsamen Fallverständnisses ist es unerlässlich, dass allen am Vollzug Beteiligten klar ist, welches diese problematischen Aspekte sind und wie diese zu bearbeiten sind. Aus den personen- und umweltbezogenen problematischen Aspekten werden Veränderungsbedarf sowie Kontrollbedarf abgeleitet.

Abhängig davon, ob ein Fall mittels Risikoabklärung (RA) von der AFA oder durch ein Fall-Résumé (FaR) von der fallverantwortlichen Person untersucht wurde, liegt das Problemprofil eines Klienten / einer Klientin unterschiedlich differenziert vor. Das Problemprofil in einer RA unterscheidet sich von jenem aus einem FaR bezüglich des personenbezogenen Veränderungsbedarfs.

Neben den Angaben zu problematischen Aspekten und dem Risikoprofil wird in der Fallübersicht auch ein Augenmerk auf vorhandene oder aufzubauende Ressourcen des Klienten / der Klientin gelegt, die eine nachhaltige Resozialisierung fördern.

Resozialisierung

Um eine nachhaltige Resozialisierung des Klienten / der Klientin zu erreichen, werden gemäss ROS-Konzept zwei zentrale Ziele verfolgt: die Senkung des Delinquenzrisikos durch erfolgreiche Bearbeitung des Problemprofil sowie die Förderung bestehender und den Aufbau zusätzlicher Ressourcen.

Risikorelevante Denk- und Verhaltensmuster lassen sich nicht nachhaltig verändern, indem lediglich umweltbezogene problematische Aspekte entschärft oder umweltbezogene Ressourcen gestärkt werden. So verschwindet beispielsweise eine Steuerungsproblematik in der Regel nicht, weil der Betroffene Vater geworden ist und sich deshalb nicht mehr mit seinem prokriminellen Umfeld trifft. Auch weiss ein pädosexueller Straftäter nicht plötzlich, wie er seine sexuellen Bedürfnisse steuern kann, weil er einer geregelten Arbeit nachgeht. Nachhaltige Veränderungen des Problemprofils setzen in aller Regel eine explizite Auseinandersetzung mit den personenbezogenen problematischen Aspekten voraus. Eine sinnstiftende Lebensführung und das Erarbeiten von prosozialen Lebenszielen führen jedoch insgesamt zu einer stabileren Grundsituation. Diese Zusammenhänge verdeutlichen, dass sowohl die ausschliessliche Fokussierung auf Risiken wie auch diejenige auf Ressourcen zu kurz greift. Viel sinnvoller ist es, auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse mit einer ganzheitlichen Sichtweise an fallspezifisch relevanten Themenbereichen zu arbeiten, die durch Interventionen möglichst weitreichend in eine positive Richtung beeinflusst werden sollen. Eine solche Vorgehensweise senkt nicht nur die Wahrscheinlichkeit erneuter delinquenter Handlungen, sie unterstützt auch die Stabilisierung der Lebensumstände und trägt somit massgeblich zu einer nachhaltigen Resozialisierung der straffällig gewordenen Person bei.

Ressourcen

in Bearbeitung

Risikoabklärung

Die Risikoabklärung ist ein Dokument, das von forensisch spezialisierten Psychologinnen oder Psychologen der AFA erstellt wird. Darin werden das Risiko- und das Problemprofil eines Klienten / einer Klientin hergeleitet. Dies bildet die Basis für ein gemeinsames Fallverständnis und die fallspezifische Vollzugsplanung.

Die Risikoabklärung erfolgt aktengestützt. Allfällige Rückmeldungen von fallspezifisch involvierten Fachpersonen (z.B. fallverantwortliche Person, Arbeitspartner) werden mit einbezogen. Bei ausreichender Aktenlage wird mindestens ein standardisiertes, validiertes Risk-Assessment-Instrument angewandt. Die Risikoabklärung der AFA ist im Sinne eines strukturierten klinischen Urteils zu verstehen: Die Resultate der verwendeten Risk-Assessment-Instrumente fliessen als Teil einer Gesamtwürdigung sämtlicher vorliegender Informationen in die Schlussfolgerungen mit ein. Wenn die Durchführung eines standardisierten Risk Assessments aufgrund zu wenig aussagekräftiger Aktenlage nicht möglich ist, wird eine verkürzte Risikoabklärung mit einer genereller formulierten Einschätzung des Delinquenzrisikos erstellt.

Im sogenannten Fallkonzept wird eine Hypothese zum Deliktmechanismus erarbeitet. Die veränderbaren und deliktrelevanten problematischen Aspekte eines Klienten / einer Klientin werden benannt und in einen funktionalen Zusammenhang gebracht.

Basierend auf diesem Fallkonzept erstellt die AFA das Problemprofil. Sie formuliert für die Bearbeitung der einzelnen problematischen Aspekte geeignete Interventionsempfehlungen. Zudem wird auch ein Augenmerk auf vorhandene oder aufzubauende Ressourcen des Klienten / der Klientin gelegt, die eine nachhaltige Resozialisierung fördern.

Eine Risikoabklärung wird durchgeführt, wenn das Fall-Screening-Tool (FaST) einen Abklärungsbedarf anzeigt. Eine Sonderform der Risikoabklärung bildet die Risikosprechstunde. Diese kommt zum Einsatz, wenn eine fallverantwortliche Person unabhängig vom Triage-Ergebnis einen Abklärungsbedarf feststellt. Dies kann zu jedem Zeitpunkt des Vollzugs erfolgen.

Die Risikoabklärung ist wie folgt gegliedert

Risikoprofil

in Bearbeitung

Risikorelevante Entwicklungen

in Bearbeitung

Risikosensibilisierung

Die Einführung von risikoorientierten Arbeitskonzepten erfordert nicht nur forensisches Fachwissen, um RNR-Prinzipien im eigenen Alltag umsetzen zu können, sondern verlangt erfahrungsgemäss auch eine Auseinandersetzung auf der Ebene grundlegender Einstellungen und Haltungen. Im Vordergrund steht eine Sensibilisierung für risikorelevante Merkmale und Entwicklungen im Fallverlauf, ohne dabei eine unterstützende Haltung aufzugeben. Ethische und Haltungsfragen müssen offen diskutiert werden, um die Erarbeitung eines persönlichen, professionellen Standpunkts zu unterstützen.

Risikosprechstunde

Liegen Hinweise auf potenziell risikorelevante Entwicklungen oder fallspezifisch forensisch-psychologische Fragestellungen vor, kann die fallverantwortliche Person zu jedem Zeitpunkt des Sanktionenvollzugs den Auftrag zur Risikosprechstunde bei der AFA erteilen. Unabhängig von der FaST-Klassifikation untersucht die AFA den Fall aus forensischer Perspektive und hält ihre Einschätzung und Empfehlungen schriftlich fest.

Risk Assessment

In einer Risikoabklärung der AFA wird das Delinquenzrisiko des Klienten / der Klientin mittels standardisierter, validierter Risk-Assessment-Instrumente (z.B. PCL-R, FOTRES, VRAG, SORAG, Static 2002R, ODARA) bestimmt. Wenn dies aufgrund zu wenig aussagekräftiger Aktenlage nicht möglich ist, wird eine verkürzte Risikoabklärung mit einer genereller formulierten Einschätzung des Delinquenzrisikos erstellt.

ROS-Dokumente

Es ist vorgekommen, dass Behörden und Arbeitspartner, die ROS anwenden, ihre eigens erstellten Dokumente mit Verweisen auf den Risikoorientierten Sanktionenvollzug versehen haben. Dies hat eine Verunsicherung ausgelöst, welche Dokumententypen den offiziellen ROS-Vorlagen entsprechen.

Die ROS-Dokumente sind:

  • Dokumente der ROS-Administration mit Logo und Signatur
  • Triage: Stammblatt
  • Triage: FaST-Zusammenfassung
  • Abklärung: Auftrag Risikoabklärung
  • Abklärung: Auftrag Risikosprechstunde
  • Abklärung: Risikoabklärung
  • Abklärung: Fall-Résumé
  • Planung: Fallübersicht aus Risikoabklärung
  • Planung: Fallübersicht aus Fall-Résumé
  • Planung: Vollzugsplanungmatrix (Anwendung optional)
  • Verlauf: Checkliste Freiheitsstrafe
  • Verlauf: Checkliste ambulante Therapie
  • Verlauf: Checkliste stationäre Massnahme
  • Verlauf: Checkliste Bewährungshilfe
  • Verlauf: Verlaufsliste Freiheitsstrafe
  • Verlauf: Verlaufsliste ambulante Therapie
  • Verlauf: Verlaufsliste stationäre Massnahme
  • Verlauf: Verlaufsliste Bewährungshilfe

ROS-Standards

in Bearbeitung

Schulungs- und Coachingangebot

in Bearbeitung

Standardisierte Berichterstattung

in Bearbeitung

Umweltbezogener Veränderungsbedarf

Problematische Aspekte, welche die Wahrscheinlichkeit für delinquentes Verhalten erhöhen und in der Umwelt eines Klienten / einer Klientin verankert sind, werden als umweltbezogener Veränderungsbedarf im Problemprofil aufgeführt. Dabei handelt es sich um zentrale Lebensbereiche, die häufig aufgrund einer langfristigen negativen Ausprägung zu einer deutlichen Destabilisierung der Lebensgestaltung eines Klienten / einer Klientin geführt haben. Um eine nachhaltige Resozialisierung zu erreichen, müssen diese Aspekte im Rahmen von spezifischen Interventionen stabilisiert werden.

Die in der Übersichtstabelle aufgeführten problematischen Aspekte, die mit ROS als umweltbezogener Veränderungsbedarf zur Anwendung kommen, basieren auf robusten wissenschaftlichen Erkenntnissen (vgl. Quellenangaben).

Zur Bearbeitung des umweltbezogenen Veränderungsbedarfs müssen spezifische Veränderungsziele gesetzt und wirksame Interventionen für deren Erreichung bezeichnet werden (vgl. Übersichtstabelle).

Verlaufsliste

in Bearbeitung

Vollzugsplanung

in Bearbeitung

Vollzugsplan

in Bearbeitung

Wirksamkeitsprinzipien

Der Risikoorientierte Sanktionenvollzug ROS basiert auf empirisch fundierten Wirksamkeitsprinzipien. Darunter versteht man Grundsätze vollzugspraktischer Handlungen, deren Realisierung zu einem möglichst hohen Grad rückfallpräventiv wirken. Die wichtigsten Wirksamkeitsprinzipien lassen sich im RNR-Modell (Andrews & Bonta, 2010) zusammenfassen: das Risikoprinzip (risk principle), das Bedarfsprinzip (need principle), und das Ansprechbarkeitsprinzip (responsivity principle).